Pergamon-Museum in Berlin

Sonderausstellung Babylon - Mythos und Wahrheit
26. Juni - 5. Oktober 2008

Öffnungszeiten

In diesem Punkt gibt es nichts zu meckern. Die Ausstellung ist auch montags geöffnet und donnerstags bis sonnabends bis 22:00 Uhr. Die restlichen Tage ist die Ausstellung von 10:00 Uhr bis 18:00 geöffnet.


Leitsystem

Mein Besuch fand einem sonnigen Freitag Nachmittag statt. Die vielbesungene Berliner Luft war gute 32 Grad warm. Dementsprechend gab es mehr Leute, die sich in Freibädern und klimatisierten Kaufhäusern herumdrückten als Kunstbeflissene, die an den Kassen zur Babylon-Ausstellung anstanden. Dabei sind auch die Ausstellungsräume des Pergamnon-Museums angenehm temperiert. Wenn Sie also clever sind, besuchen Sie die Ausstellung dann, wenn es keiner erwartet. Sie ersparen sich Warteschlangen. Sollten Sie dem Herdentrieb folgen wollen, empfiehlt der Veranstalter, die Eintrittskarte schon im vorweg auf der Internetseite des Museums zu bestellen. Wer bereits eine Eintrittskarte besitzt, darf nämlich an den Wartenden vorbei gleich durch einen Sondereingang in die Ausstellung. Der Kartenkauf übers ist etwas sperrig organisiert und geht unverschlüsselt übers Web. Das ist unzeitgemäß: ich empfehle, die Karten nicht online zu kaufen und statt dessen, die Wartezeit zu einem Gedankenaustausch mit den Wartenden zu nutzen. Ihre Daten sind schon gefährdet genug, verschleudern Sie sie nicht, indem Sie sensible Informationen unverschlüsselt übers Netz schicken: immerhin erfährt der Lauscher auf der Strippe nicht nur Ihre Kontodaten, sondern auch den Zeitpunkt, zu dem Sie wahrscheinlch nicht zu Hause sind :-(

Das Pergamon-Museum ist ein Prachtbau, der vortrefflich dazu einlädt, sich zu verlaufen. Die Veranstalter haben diese Gefahr erkannt und den empfohlenen Weg durch die Ausstellung mustergültig ausgeschildert. Es gab kleine Schilder und riesige Farbflächen, die ein bißchen wie Raumkunst wirkten. Außerdem lagen Blätter aus, die nicht nur den Weg wiesen, sondern auch Auskunft gaben, was es in den Räumen zu sehen gab.


Präsentation

Die Beleuchtung war -besonders in der Abteilung Wahrheit- mustergültig. Ob Vitrine oder freistehend: die Exponate waren blendfrei ausgeleuchtet. In der Abteilung Mythos gab es ein paar finstere Ecken, deren sparsame Ausleuchtung vielleicht der Empfindlichkeit der Ausstellungsstücke geschuldet war. Aber immerhin waren auch die verglasten Bilder ohne störende Reflexe zu betrachten. Das habe ich auch schon anders erlebt.

Auch bei der Beschriftung der Exponate haben sich die Veranstalter Mühe gegeben. Auch die kleinste Keilschrift-Tafel war mit einem eigenen Schild erläutert. Die Erklärung, auch die übergeordneten an den Raumwänden, waren gut lesbar und -Überraschung!- durchgängin zweisprachig in deutsch und englisch. In seltenen Fällen waren die Erklärungen aufgrund großer Entfernung und mystischer Beleuchtung nur mit Anstrengung zu lesen. Aber insgesamt ist die Präsentation dem Besucher zugewandt und informativ. Das liegt auch daran, daß die Exponate nicht nur mit den "technischen Daten" vorgestellt werden. Wo immer es sinnvoll ist, gibt werden die Exponate thematisch eingeordnet und die Inhalte von Schrifttafeln wenigstens paraphrasiert wiedergegeben.


Komfort

Nun, der Eingang zur Ausstellung weckte spontan den Wunsch, den Teppich der Treppe einer Grundreinigung zu unterziehen. Im Ernst: der Blick auf den Bodenbelag war nicht ganz unwichtig, weil es in der Ausstellung eindeutig an Sitz- und Ruhemöglichkeit mangelte. Die Treppen wurden darum notgedrungen als Sitzbänke mitgenutzt. Alternativ kann der ermattete Besucher zur Kräftigung auch in die Cafeterie oder eine der umliegenden Gaststätten gehen. Die Eintragskarte ist ein Tagesticket und gestattet den Wiedereintritt nach einer Erfrischungspause. Am Folgetag gibt es immerhin noch einen Rabatt.

Die Exponate ließen den Besuchern Luft zum Gehen und Stehen. Die Räume waren nicht gestopft voll. Davon profitierten nicht nur die Besucher, sondern nicht zuletzt auch die Ausstellungsstücke; sie wirken eindrucksvoller, wenn zwischen ihnen ein gewisser Abstand bleibt.


Infomationen vor Ort

Im Eintrittspreis ist ein Audio-Führer enthalten. Es gibt ihn auf deutsch, englisch, spanisch, italienisch und französisch. Das ist schon mal eine bedeutende Menge polyglotter Information. Das Führungsverhalten des Audio-Guides ließ an manchen Stellen etwas zu wünschen übrig. Aber insgesamt verzichtet der Besucher auf viele Informationen, wenn er die Kopfhörer nicht annimmt. Auch der Informationsgehalt der Schilder zu den Ausstellungsstücken in den Vitrinen oder im Raum ist erwähenswert - auch für auswärtige Besucher, sofern sie denn englisch sprechen. Die Gestalter der Ausstellung hatten Mut zum Text. Mythen und Propagandalügen kann man am nachhaltigsten durch Bereitstellen von Wissen aufarbeiten. Und Texte sind bekanntlich die besten Wissensvermittler. Der Mut zum Text ist zu loben: der Besucher kann durch den Besuch der Ausstellung wirklich einen Wissenszuwachs gewinnen.

Etwas enttäuschend ist allein das Informationsangebot über die Keilschrift. Immerhin kommt es in der Erforschung antiker Staatswesen und Lebensformen sehr selten vor, daß wir so detailliert über Einzelheiten fast aller Lebensbereiche informiert werden. In der Ausstellung sind Keilschriften in unterschiedlichen Sprachen und aus fast 2.000 Jahren ausgestellt. Da hätte ich mir mehr Informationen über Wandel und Bedeutung gewünscht. Wer's genauer wissen möchte sei auf die Seite über den Codex Hammurapiverwiesen. Einen ersten Eindruck dessen, was in der Ausstellung fehlte, sehen Sie hier.


Informationen zum Mitnehmen

Untragbar, der Katalog. Zwei großformatige, schwere Bände bündeln die Informationen dieser Ausstellung. Die Herausgeber haben viele Fachleute gewonnen, die eine Vielzahl von Aufzätzen zu den Themen verfaßt haben, die in den Räumen der Ausstellung dargestellt werden. Die Texte sind durch die Bank lesenswert, eingängig formuliert und, soweit eine solche Einschätzung nach einer zwar ausführlichen aber nicht vollständigen Lektüre möglich ist, entsprechen dem aktuellen Stand der Erkenntnisse.
Der Katalog ist dennoch nur ein üppig illustriertes Lesebuch geworden, weitergehende Erwartungen können die beiden Bände (Je einer für die Wahrheit und die Mythen) nicht erfüllen. Außer einem Inhaltsverzeichnis (immerhin) fehlt dem Katalog jegliches Werkzeug, um Informationen zu suchen und zu finden. Es gibt keinen Index, kein Abbildungsverzeichnis, der Leser sucht sogar vergeblich nach einem Verzeichnis der Exponate. Hier und da bleibt bei einer Abbildung unklar, ob es der Illustration dient oder ein Exponat zeigt. Bei Buchproduktionen dieser Preisklasse sind das unverzeichliche Defizite. Toll wär es gesesen, wenn der Verlag wenigstens eine elektronische Version des Kataloges auf einer CD beigelegt hätte. Fehlanzeige, auch dieser Weg, die Informationen anders als durch Umblättern zu finden, bleibt dem Käufer des Kataloges verschlossen.

Auch wenn die beiden Bände des Kataloges handwerklich perfekt produziert wurden und die Qualität der Abbildungen stimmt, gibt es dafür nur nur drei Nofreteten.

Das Fotografieren ist in der Ausstellung verboten, die Einhaltung des Verbotes ist eine der wichtigsten Aufgaben des Aufsichtpersonals. Nur Pressevertretern sind Bildberichte im Zusammenhang mit einem Ausstellungsbericht gestattet.
Das Verbot ist einigermaßen überraschend und kaum verständlich. Außerhalb der Ausstellung darf der Besucher in den Berliner Museen dankenswerter in den Ausstellungen fotografieren, und auch in den Räumen des Louvre oder des British Museum darf fotografiert werden. Warum also nicht auch, wenn die Exponate dieser Häuser im Rahmen einer Sonderausstellung zusammengeführt werden?

Die eigens für die Ausstellung eingerichtete Webseite wird zum Ende der Ausstellung abgeschaltet. Das ist einerseits zu verschmerzen, da dort ohnehin wenig inhaltliche Informationen zu finden sind ("Der 250.000. Besucher kommt aus Barcelona."). Andererseits ist genau dieses geringe Informationsangebot zu beklagen. Man kann solche Seiten für Ausstellungen durchaus informativ gestalten, ohne dem Besucher den Eindruck zu vermitteln, die aufmerksame Lektüre der Seite mache den Besuch der Ausstellung überflüssig.


Sensation: Besucherbefragung

Das erlebt der Besucher einer Ausstellung selten, in Deutschland habe ich es bisher noch gar nicht erlebt: Am Ausgang liegen Bögen aus, die der Besucher nutzen kann, um wichtige Gesichtspunkte der Ausstellung zu bewerten. Die Gesichtspunkte decken im wesentlichen die Bereiche ab, die auch in den EXHIBS-Kriterien für gute und erfolgreiche Ausstellungen beschrieben werden.


Randnotizen

Dieser Bericht entstand im Juli 2008. Verfasser ist Matthias Rojahn. Er hat eine eigene Homepage.